13.03.2018

    

 

NWZ - 07.08.2017

Viel High-Tech für ein normales Leben

Frank Jacob

 

In einer Firma in Neusüdende werden Autounikate gebaut. Die teuren Einzelanfertigungen geben behinderten Menschen ein neues Lebensgefühl und berufliche Chancen.

 

Neusüdende Nicole Hißner liebt das Autofahren. Dass die 44-Jährige heute am Steuer sitzen kann, ist aber nicht selbstverständlich. Sie war schon 27, als sie bei den ersten Fahrlehrern auf der Matte stand. „Leute wie sie im Straßenverkehr, das geht gar nicht“, habe sie da zu hören bekommen. Erst bei der dritten Fahrschule wurde sie angenommen.

 

Nicole Hißner leidet an Arthrogryposis multiplex congenita, einer angeborenen Gelenksteife. Arme und Beine kann sie nicht wie ein gesunder Mensch bewegen, an Autofahren ist da erst recht nicht zu denken. Dass sie heute trotzdem mit dem Auto zur Arbeit, zum Einkaufen oder zu Freunden fahren kann, verdankt sie Andreas Prause.

„Wir haben ihr Auto komplett für ihre Bedürfnisse umgebaut“, sagt der Chef der Firma Behinderten-Automobile in Neusüdende. Nicole Hißner steht in der Werkstatt im Gewerbegebiet Klein Feldhus, ihre Familie ist mitkommen, als die 44-Jährige dort am vergangenen Freitag ihren neuen Opel Zafira abholt.

„Das ist eine ganz neue Freiheit“, sagt die zweifache Mutter strahlend nach dem ersten Probesitzen. Schon das Einsteigen in den Wagen ist für sie eine körperliche Herausforderung. „Erst das rechte Bein, dann den Kopf, danach den Mors und dann das linke Bein“, erklärt die Frau aus der Nähe von Schiffdorf (Landkreis Cuxhaven), als sie ihren steifen Körper in das Auto wuchtet.

„Allein der technische Umbau hat fünf Monate gedauert“, sagt Prause. Das Auto wurde komplett zerlegt und neu konfiguriert, in enger Zusammenarbeit mit dem TÜV. Auch die Großkundenbetreuung von Opel kam nach Neusüdende, um den Umbau zu überprüfen. Schließlich veränderte Prause den Zafira grundlegend.

Umbau kostet viel Geld

90 000 Euro kostete der Umbau, ohne das Auto. Einen Großteil habe die BfA in Berlin übernommen, sagt Nicole Hißner und fügt hinzu: „18 000 Euro musste ich dazu zahlen.“ Rund 100 Kilometer fährt die Sozialpädagogin jeden Tag, die beim Magistrat Bremerhaven beschäftigt ist und auch im Außendienst arbeitet.

Weil ihre Arme und Beine steif sind, kann die 44-Jährige ihr Auto nicht so lenken, wie körperlich gesunde Menschen es können. Zwischen den beiden Vordersitzen hat Prause deshalb einen Bedienhebel eingebaut, mit dem Nicole Hißner ihr Auto steuern kann. Das funktioniert ein bisschen wie bei einem Joystick am Computer, nur dass dieser nicht mit der Hand, sondern mit dem Arm bewegt wird.

Lenken mit einem Hebel

„Drückt man den Hebel nach vorne, bewegt sich das Lenkrad nach links, drückt man den Hebel nach hinten, bewegt sich das Lenkrad nach rechts“, erklärt Prause. Und so kann man tatsächlich fahren? „Ich finde das viel sicherer“, sagt Nicole Hißner. Fürs Einparken habe sie auf der Arbeit sogar schon Applaus von ihren Kollegen bekommen.

Der Bedienhebel ist natürlich nicht der einzige Umbau. „Sowohl die Bremsanlage als auch das Gaspedal wurden mit Servomotoren ausgestattet, um eine extreme Leichtgängigkeit herzustellen“, erläutert Prause. Das war nötig, weil Nicole Hißner wegen ihrer Krankheit zu wenig Kraft in den Beinen hat.

Das Automatikgetriebe des Wagens kann derweil per Knopfdruck bedient werden. Dazu baute Prause ein Bedienfeld in die Fahrertürarmlehne, das sich genau auf Armhöhe befindet. Auch der Zündschlüssel wird in der Armlehne in eine eigens geschaffene Vorrichtung geschoben. Danach fährt der Computer im Innern des Autos hoch, prüft, ob alle Sensoren für Bremse, Gas und Lenkung in Ordnung sind, erklärt Prause. Erst dann lässt sich der Wagen starten.

„Zudem wurden sowohl eine elektrische Handbremse als auch ein elektrischer Heckklappenöffner entwickelt und montiert“, schildert Prause. Das Fahrzeug verfügt außerdem über eine spezielle Liftplattform, damit Nicole Hißner ihren Elektro-Scooter verladen kann.

„Jetzt kann ich endlich auch alleine zum Shoppen fahren“, freut sich die 44-Jährige über die neu gewonnene Automobilität. Und wenn sie in den Wald möchte, um mit ihrem Hund Luna Gassi zu gehen, ist sie jetzt ebenfalls nicht mehr auf Hilfe angewiesen.

Neben so viel Technik in dem Auto fallen kleine Accessoires auf, die Nicole Hißner am Rückspiegel angebracht hat. Dort hängen die Kinderschuhe ihrer Kinder Lukas (17) und Zoe (8) und ein „Gottesauge“ als Glücksbringer. „Den hat meine Tochter für mich gemacht“, erzählt die Mutter stolz.

Der Glücksbringer bringt Farbe ins Innere des bundesweit wohl einmaligen Autos, mit dem Nicole Hißner nun wieder sicher unterwegs ist. Mit einem ebenfalls auf ihre Bedürfnisse umgebauten Vorgängermodell fuhr sie 340 000 Kilometer unfallfrei.

 

 

 

 

 

09. November 2016

 

Mit Behinderung mobil bleiben

Mathias Freese

Andreas Prause hat sich auf individuelle Umbauten an Automobilen spezialisiert. Seine Frau Kerstin sitzt selbst im Rollstuhl.

Rastede - Kerstin Prause rollt zu ihrem Auto, hievt sich hinüber auf den Fahrersitz, faltet ihren Rollstuhl zusammen und bugsiert ihn auf die sogenannte Rollstuhlverladehilfe, die den Rollstuhl dann automatisch im Heck des Wagens verstaut. Das ist nur möglich, weil die Hintertür sich an der Wagenseite nach hinten öffnet, statt normal nach vorne.

Gebaut hat diese Vorrichtung ihr Mann Andreas. Vor einem Jahr hat er sich mit seiner Firma Behinderten-Automobile in Neusüdende niedergelassen. Er baut seit 27 Jahren Autos behindertengerecht um – individuell angepasst.

Seine Frau kann zum Beispiel Gas und Bremse mittels Hebel rechts neben dem Lenkrad bedienen. Da sie dann nur noch eine Hand zum Lenken frei hat, hat das Steuer einen Knauf, mit dem es sich einhändig bedienen lässt. Für eine Kundin mit sehr kurzen Armen aber hat Andreas Prause einen langen Hebel eingebaut, der, wenn sie ihn vor und zurück bewegt, das Auto lenkt. „Beim Probefahren bin ich dreizehn Tode gestorben“, erzählt der 54-Jährige. Ein anderer Kunde mit gelähmtem Hals hat „einen Splitscreen ins Cockpit bekommen, auf dem er den fließenden Verkehr beobachtet.“ Und ein Fahrzeug hat er sogar schon nach Hongkong verkauft. „Da war der Transport per Container teurer als das Auto“, meint Prause.

Angefangen hat er damit, weil ihm bekannte Motorradfahrer nach schweren Unfällen weiterhin noch Auto fahren wollten. „Da haben wir erstmal etwas rumgefummelt, bis es ging“, sagt er lachend. Doch er merkte, dass es dafür einen Markt gibt. „Und die Leute sind glücklich darüber.“

Auch Passiv-Automobile für den Transport von Rollstuhlfahrern baut er. Und vor kurzem hat er eine Einstieghilfe für Wohnmobile entwickelt. „Das geht nur in enger Zusammenarbeit mit dem TÜV“, betont Andreas Prause.

Seine Frau Kerstin arbeitet stundenweise in seiner Firma im Büro. Durch eine misslungene Bandscheiben-OP ist sie auf den Rollstuhl angewiesen. Deshalb möchte sie anderen helfen – und bietet auch eine Fördergeldberatung an: „Man hat manchmal Anspruch auf Kostenerstattung. Ich konnte schon einigen helfen.“

 

 

 

 

Danke an RTL mit dem GRIP-Team

Durch unsere Fördergelderberatung und Eurer Unterstützung konnten wir einer Familie den Traum eines eigenen rollstuhlgerechten Automobils erfüllen.

 

Bildfreigabe: Det

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